DIE TRAUERREDE

Fritz Keunecke

Rede zur Trauerfeier am 2. September 2009
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Musik – Pachelbels Canon
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An dich denken

An dich denken
und unglücklich sein?
Wieso?

Denken können
ist doch kein Unglück
und denken können an dich:
an dich
wie du bist
an dich
wie du dich bewegst
an deine Stimme
an deine Augen
an dich
wie es dich gibt-
wo bleibt da
für wirkliches Unglück
(wie ich es kenne
und wie es mich kennt)
noch der Raum
oder die Enge?




Lieber Frederik, lieber Tobias, liebe Julia,
liebe Familie, Freunde und Trauergäste,

ein Gedicht von Erich Fried ist es, mit dem ich Sie begrüße zur Trauerfeier für Fritz Keunecke.


Wo bleibt da der Raum für wirkliches Unglück, wenn ich an dich denke?

Wenn ich an einen Menschen denke, der mir nah ist, der mir lieb oder ein guter Freund ist,

Wenn ich in Gedanken an einen Menschen versinke, der mir viel bedeutet, den ich liebe,

Wie kann ich da unglücklich sein?

Es wäre doch absurd und die Welt drehte in die falsche Richtung, wenn Gedanken an etwas schönes, an einen besonderen Menschen und eine schöne Zeit ein Gefühl auslösten, das mich unglücklich macht.

Aber so fühlt es sich an.

Wenn die Gedanken an diesen Menschen nicht mehr die Zeitspanne zwischen Sehen und Wiedersehen füllen.

Wenn der Nachklang eines erlebten Momentes nicht mehr verbunden ist mit der Vorfreude auf den nächsten.

Dann dreht die Welt falsch herum.

Wenn das Herz bei dem Gedanken an das Glück nicht mehr hüpft, sondern am Ende eines jeden Sprungs aufschlägt.
Dann machen Gedanken an das Glück unglücklich.

Wenn ich es verliere.

Und so machen uns Gedanken an einen Menschen unglücklich, wenn wir ihn verlieren.

Und je glücklicher uns seine Anwesenheit machte, desto unglücklicher hinterlässt uns sein Verlust.


Wo bleibt da für Unglück, wie ich es kenne oder wie es mich kennt der Raum oder die Enge?

Die Enge?

Das Herz, der Verstand, das Denken und Fühlen, alles ist in diesen Tagen enger als sonst.
Der Blickwinkel und das Empfinden haben sich fokussiert.

Ihr nehmt die Welt anders wahr, sie fühlt sich nicht so an wie noch vor einer Woche.

Der Raum?

Hier.
Jetzt.

An diesem Ort und zu diesem Anlass.
Eine Trauerfeier in einer Trauerhalle.

Ihr hattet Angst vor diesem Moment.

In den letzten Tagen zeigte sich die Welt durch einen Schleier.

Es fühlte sich so unwirklich an.

Jetzt aber sind wir in einer Trauerhalle zusammengekommen und blicken auf die Urne.

In diesem Augenblick verliert sich das schützend Unwirkliche und es wird uns bewusst, dass wahr ist, was Ihr nicht wollt:
Fritz Keunecke, Euer Vater, ist tot.
Er starb vergangenen Mittwoch im Alter von 68 Jahren.



Sie alle sind heute in seinem Namen zusammengekommen.

Um Abschied von ihm zu nehmen.

Dieser Moment aber ist mehr als nur Abschiednahme.

Fritz Keunecke hat in seinem Leben so viel mehr getan als nur zu gehen.

Er hat gelebt!

Fritz ist nicht nur gegangen, sondern gewesen!

Diese Urne, ist sie auch der letzte Ausschnitt, ist nicht das, was von einem Leben bleibt.

Sie ist nicht das, was von Fritz Keunecke bleibt.

Und so begehen wir heute nicht nur einen Abschied, sondern sagen Danke für das Leben, das vor diesem Abschied, vor dieser Urne steht.

Das Leben, das Ihres in ganz unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Zeiten berührte, vielleicht sogar begleitete.
Von diesem Leben lassen wir uns im Augenblick des Abschieds noch einmal an die Hand nehmen.

Wir schenken dem Mann, der es lebte, schenken Fritz Keunecke den Platz in unserer Mitte.



Geboren wurde Fritz an einem Mittwoch, dem 25. Dezember 1940.

Wenn man spätere Leidenschaften betrachtet, so war es vielleicht der Geruch des guten Weihnachtsessens, der ihn an ersten Weihnachtstag auf diese Welt und in sein Leben lockte.


Als drittes von später fünf Kindern, war er eingebettet in Geschwister.

Ein schöner Umstand, der nicht nur seine Kindheit und Jugend, sondern auch sein Leben darüber hinaus begleitete.

Schon als kleiner Junge hatte sich Fritz immer gut beschäftigen können.

Zwar schätzte er die Gesellschaft von Freunden, konnte es aber auch damals schon sehr gut allein aushalten.

Alleinsein bedeutete für ihn schon als Kind weder Langeweile noch Einsamkeit, weshalb ihn seine Mutter liebevoll „Fötzelfritze“ nannte.


Das allerdings bedeutet nicht, dass er sich nicht auch in Gesellschaft sehr wohl fühlte!

Genau wie seine Brüder war Fritz ein Jung dieser Stadt!

Gemeinsam machten die vier Wesel und auch die eine oder andere Veranstaltung und Lokalität unsicher.

Vier baumlange Keuneckes waren weder zu übersehen noch zu überhören.

Und so schnell hätte niemand etwas gegen einen von ihnen gesagt.
Zumindest nicht ohne Folgen.


Für seinen beruflichen Werdegang hatte sich Fritz gewünscht, Metzger zu werden.
Da aber keine Lehrstelle zur Verfügung stand, ging er aus eher pragmatischen Gründen zur Keramag, wo er in der Gießerei arbeitete.


Die Frau für das ganze Leben fand er nicht.
Zweimal aber hatte er geheiratet.
Aus Liebe, keine Frage!

Aber es war keine Liebe, die endlos war und ein Leben lang Bestand haben konnte.


Dennoch gab es in seinem Leben eine konstante Liebe.
Bedingungslos und unerschöpflich.

Seine Kinder!

Er liebte sie abgöttisch und sie machten ihn unendlich stolz.

Sein Sohn Frederik, sein Sohn Tobias, seine Tochter Julia.

Wunschkinder.
Immer schon.
Und für immer!

Nichts aber auch gar nichts war seiner Rolle als Vater übergeordnet.

Für seine Kinder hat er gelebt, für sie hätte er, für sie hat er gekämpft.


Seine Kinder waren das stärkste Argument seines Lebens.

Sie waren das Argument dafür, sein Leben lang zu arbeiten. 55 Jahre an einem Stück, wenn auch in verschiedenen Funktionen und an unterschiedlichen Orten.

Seine Kinder waren das Argument dafür, aus einer Wohnung ein Zuhause zu machen.

Sie waren das Argument dafür, zu lächeln, zu lieben und zu leben.

„Papa ist lieb“, so lesen wir hier vorne.

Eine geschenkte Liebeserklärung seiner Kinder.

Da steht nicht: Unser Vater ist nett.

Papa ist lieb!

Papa.


Die letzten zehn Jahre, so sagt Ihr, waren die beste Zeit eures Lebens.

Eine Aussage, die Euer Vater für sich mit Sicherheit nicht anders formuliert hätte.


Aus beruflichen Gründen hatte Fritz lange schon Wesel verlassen und war nach Hamburg gezogen.

Trotzdem blieb immer eine große Verbundenheit zu dieser Stadt und vor allem zu seiner Familie, die zwischenzeitlich um einige Mitglieder und Kinder gewachsen war.


Es blieb ein Gefühl von Zuhause, wenn er hierher kam.

Die meisten Urlaube verbrachte er daher mit seinen Kindern in Wesel.

Schon bald hatten die Frauen es aufgegeben, Fritz und seine Brüder zu gemeinsamen Mahlzeiten zu erwarten;

Denn wenn Keuneckes zum Frühshoppen gingen, meinten sie noch immer von Früh bis Früh.

Trotzdem haben die Familien die gemeinsame Zeit hier in Wesel in tiefen Zügen genossen.

Fritz und seine Geschwister immer ein wenig auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugend.


Als Vater war er immer darum bemüht, seinen Kindern zukommen zu lassen, was immer sie brauchten.

Er selbst brauchte nicht viel.

Erst recht nicht zum Glücklichsein!

Weder aufwendige Hobbies, noch materieller Luxus waren ihm ein Anliegen.

Es umgab ihn eine leichtfüßige Gleichgültigkeit;

Denn es war ihm zum Beispiel völlig egal, wie das Mobiliar seiner Wohnung aussah, solange es nur den Zweck erfüllte, Menschen darin zu beherbergen.

Menschen, die ihn umgaben, mit denen er sprechen oder seine Zeit teilen konnte.

Was das anbelangte, war Fritz tiefgründiger, zumindest aber weniger oberflächlich als manch anderer Mensch.

Was nicht heißt, dass er Freundschaften besonders pflegte.

Wenn ihm aber Menschen begegneten, so ließ er sich nicht blenden, sondern schaute hinein.

Statussymbole in jeglicher Form konnten ihm nicht imponieren.

Es interessierte ihn nicht, was ein Mensch war.
Er sah und wollte wissen, wie er war.

Auch hatte er noch nach acht Semestern allenfalls vage sagen können, was seine Tochter studierte.
Aber das spielte auch keine Rolle, solange er wusste, wie es ihr ging. Dass sie glücklich war.

Es war ihm sehr wohl ein Anliegen, dass seine Kinder sich auf einen guten Weg bemühten.

Er hielt sie nicht fest, sondern ließ sie gehen.
Gehen und immer wieder gern zurück kehren.

Von sich selbst hatte Fritz Zeit seines Lebens ein hohes Maß an Selbständigkeit und Disziplin verlangt.
Schwächen wollte er sich nicht erlauben.
Zugeben oder zeigen schon gar nicht.


Zu merken, dass er Hilfe brauchen könnte, verdunkelte ihm die Laune.

Laune, die ansonsten gleichbleibend gut sein konnte.

Fritz war ein ungewöhnlich beliebter Mann.
Arbeitskollegen wie Freunde schätzten seine Gegenwart.
Sie suchten sie.

Trotzdem konnte Fritz sehr konsequent und direkt sein.
Wenn er jemanden nicht mochte, so war dies für ihn kein Geheimnis.

Wenn aber doch, so war er der außergewöhnlich liebe Mann, wie Sie alle ihn vor Augen haben.

Nur selten hatte er sich in den vergangenen Jahren Unternehmungen vorgenommen.

Nirgendwo hätte er seine Zeit erfüllter verbringen können als Zuhause.

Ein buntes und bisweilen auch lautes Zuhause, in dem die Freunde seiner Kinder herzlich willkommen waren.

Ihr erinnert Euch an so viele schöne Stunden, in denen Ihr miteinander geredet, Fußball geschaut, einfach nur ferngesehen oder zusammen gegessen habt.

Essen, von dem Eure Freunde noch heute schwärmen.

Mehrgängige Menüs, mit denen Euer Vater Euch und alle die Euer Zuhause betraten, verwöhnte.

War er auch sonst eher genügsam … beim Essen machte er keine Kompromisse!

Essen war Leidenschaft.

Selbst als ihm in den vergangenen Monaten lange schon das Essen nicht mehr schmeckte, ließ er keine Kochsendung aus.

Denn was er noch immer spürte, war die Ahnung des Genusses, den ein gutes Essen mit sich bringt.

Nicht zuletzt das Essen war auch ein wesentlicher Bestandteil Eures Familienlebens.
Essen.
Gemeinsame Zeit.
Und nicht zuletzt Humor!

Und wir sprechen nicht über die Art Humor, bei der man sich vornehm in die Faust kichert.

Bei Euch Zuhause wurde gelacht!
Derbe, laut und richtig gelacht!

Vor allem Fritz hatte einen Humor perfektioniert, wie er trockener, spontaner und cooler nicht hätte sein können,

weshalb auch der eine oder andere Freund von Euch wahrscheinlich für immer einen besonderen Spitznamen hat.




Es war schön bei Euch zu Hause.
Zusammen.

Ihr habt so viel Zeit miteinander verbracht.

Und Ihr habt viel zu wenig Zeit miteinander verbracht.

Noch so viel länger hättet Ihr Euch gewünscht, dass Euer Vater mit seiner lieben Art und der sonoren Stimme Euer Leben begleitet.


Solange es ihm möglich war, blieb er dort, wo sein Herz hing.
Zuhause.

Der Ort, an dem er jeden Winkel mit Erinnerungen an seine Kinder gefüllt hatte.

Kurz vor seinem Tod bot ihm seine Familie an, ihn dort auch wieder hin zu bringen.


Wo er im Kreise seiner Kinder sein könnte.
Frederik und Julia, die bereits dort waren, Tobias, der auf dem Weg nach Hause war.


Diese Option gab Fritz eine innere Ruhe, wie sie wirksamer nicht hätte sein können.

Schon das Gefühl, der Gedanke daran, nach Hause kommen zu können, entspannte ihn.

Er konnte aufhören zu kämpfen in dieser Gewissheit.

Fritz starb in den frühen Morgenstunden des 26. August.


Er war lange krank und es stand außer Frage, dass er sterben würde.
Und doch … in dem Moment, wenn es passiert, ist es plötzlich.


Es ist nicht möglich, sich auf den Tod eines Menschen, den man liebt, vorzubereiten.


Man ist nicht irgendwann soweit.


Und es gibt Dinge, von denen man niemals das Gefühl hat, sie oft genug, sie deutlich genug gesagt zu haben.


Vielleicht habe ich Dich nicht immer so gut behandelt, wie ich gekonnt hätte.
Vielleicht habe ich Dich gar nicht so oft geliebt wie ich hätte können.
Noch so viele kleine Dinge hätte ich sagen oder tun können, für die mir die Zeit nicht blieb.
Und ich glaube ich habe Dir vielleicht gar nicht sagen können, wie glücklich es mich gemacht hat, dass Du zu mir gehörst.
Du bist immer in meinen Gedanken!


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Musik – always on my mind
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You are always on my mind – du bist immer in meinen Gedanken!

Fritz war kein ausgesprochener Musikliebhaber.
Aber er mochte Elvis, der dieses Lied schrieb und uns damit in den vergangenen Minuten ein Vollbad in Erinnerungen schenkte.

Fritz.
Hier vorne sehen wir das Bild von ihm.

Ein Bild.

Wenn es aber möglich wäre, Gedanken und Erinnerungen zu visualisieren, so wäre in diesem Augenblick der ganze Raum voll Bilder von ihm.

Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugend, seinem Leben.

Dicht geknüpft an Ihre Erinnerungen und die Zeit, die Sie mit ihm erleben durften.

Sie sehen diese Bilder und sehen zugleich, was Sie vermissen werden.

Sie trauern um einen Freund und Kollegen.
Einen Mann, der für andere da war und Freude verbreiten konnte.

Sie trauern um Ihren Bruder. Den kleinen Bruder, der so lieb war solange Sie denken können. Den Sie bis zum Schluss als große Schwester begleitet haben.

Sie werden, Ihr werdet ein wichtiges Familienmitglied vermissen.
Fritz.
Mit dem Ihr so ausgelassen gefeiert und gelacht habt.

Bei dem es so gemütlich war und dessen tiefe Stimme eine so große Ruhe ausstrahlte.


Frederik, Tobias, Julia… Ihr beklagt den Tod Eures Vaters.

Euer Papa, der immer schon da war.
Der Euch lehrte, wie es sich anfühlt, bedingungslos geliebt zu werden.
Mit dem Ihr auch anecken durftet, ohne dieses Gefühl zu verlieren.

Zusammen seid Ihr Geschwister. Aber Euer Vater machte Euch zu einer Familie.

Eine Familie, in der gelebt wurde.

Das Leben in einer Familie wie der Euren ist manches Mal vergleichbar mit einfachen physikalischen Gesetzmäßigkeiten.

Zwei gleichgepolte Magnete haften nicht aneinander.
Obwohl sie sich nicht nur ähneln, sondern ganz gleich sind, bewegen sie sich dennoch voneinander weg.

Ein einziges anderes Stück Metall zwischen ihnen macht sie zu einem festen Rahmen.

Einem stabilen Ganzen.
Wo ein Teil an dem anderen hängt.


Unser Zuhause war immer da, wo Du warst!

Diese Worte habt Ihr Eurem Vater zum Abschied geschenkt.


Sie bedeuten zugleich, dass Ihr mit ihm auch ein Zuhause, Geborgenheit und Sicherheit verliert.


Beim Tod eines Menschen sprechen wir häufig von Heimgang.

Wir bekommen in diesem Augenblick ein Gespür dafür, was dieser Begriff bedeutet.

Fritz ist Zuhause.

Seine ganze Familie hat ihn heimgeholt.

Hierher nach Wesel, wo seine Wurzeln sind.

Hier zu Hause, an der Seite seines Bruders, werden seine letzten Schritte enden.


Und hier werden auch seine Kinder alle Zeit ein Stück Zuhause und eine Familie haben.


Euer Vater wird nie ganz fort, sondern auf besondere Weise immer bei Euch sein.

Es wird Momente in Eurem Leben geben…
An Weihnachten, wenn Ihr einmal wieder in Dänemark seid, wenn Ihr selbst eines Tages Kinder bekommt …

Viele Momente werden es sein, in denen Euch Euer Vater sehr fehlt.

Momente, in denen er Euch zugleich sehr nah sein wird, weil Ihr sagt:

Wie schön wäre es jetzt, wenn Papa hier wäre.


Jetzt aber müsst Ihr ihn gehen lassen.

Ihr wisst nicht wohin.

Aber Ihr habt ein gutes Gefühl.

Vielleicht warten schon seine Brüder auf ihn und haben 66 Bier bestellt, bei denen sie sich erst einmal so einiges zu erzählen haben.


In den letzten Tagen seines Lebens war Fritz nicht allein.


Nicht nur seine Kinder, sondern seine ganze Familie hat ihn begleitet und umsorgt.



Wenn wir nun diese Halle verlassen, wird er auch die letzten Schritte seines Lebens nicht allein gehen.



Durch seine Freunde, eine starke Familie und nicht zuletzt durch seinen Sohn wird er getragen.








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Musik – Into the west
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Trauerrede, verfasst von Conny Barlag.
Danke für alles liebe Conny.