DIE UMSTÄNDE

Die Umstände


Die letzten Tage, Stunden...
Fabian und Julian wollten mit ihrem Cousin Gerrit über den Jahreswechsel ihren Onkel in Shanghai besuchen, der dort seit vier Jahren lebt.
Weihnachten war bereits ein bisschen von der bevorstehenden Reise gezeichnet: welche Klamotten nehmt ihr mit, was muss noch gewaschen werden.
Fabian hatte zudem noch einen Kaderlehrgang Hammerwurf am 27. und 28. Dezember in Leichlingen. Im Schneetreiben fuhren wir am 28.12. nach Leichlingen, holten Fabian ab und fuhren nach Frankfurt zum Flughafen, wo Gerrit schon mit seinen Eltern wartete.
Einchecken, verabschieden, ich brachte die Jungs noch bis zum Flieger, die letzte Umarmung, letzte ermahnende Worte an Fabian, auf seinen kleinen Bruder aufzupassen. Der Start verzögerte sich, weil beim Enteisen die Bordelektronik kurzfristig ausfiel. Der Flug elf Stunden Richtung Osten. Die Landung am 29.12. gegen 11:00 Uhr. Das letzte Telefongespräch, seid ihr gut angekommen, ist alles in Ordnung? Mit dem Transrapid nach Shanghai, die Tante im Jin Mao - Tower abholen. Zur Wohnung, wo es abends eine nachträgliche Weihnachtsbescherung gab. Um 23:00 Uhr ins Bett.
In Shanghai war es 7:20 Uhr, in Wesel 00:20 Uhr, als wir den Anruf erhielten, dass Fabian tot ist. Fabian ist schlafwandelnd vom Balkon der Wohnung im 21. Stock in die Tiefe gestürzt. Unfassbar, unbegreiflich aber leider doch wahr.
Von einem Moment auf den anderen brach eine Welt zusammen. Auch wenn es pathetisch klingt, aber in unserem Herz ist in diesem Moment etwas zerrissen.
Wir wollten nur noch zu unseren Söhnen und Fabian nach Hause holen.
Woher wir die Kraft nahmen nach China zu fliegen und die dortigen Erlebnisse zu überstehen, bis wir endlich mit Fabian und Julian wieder zu Hause waren, lässt sich nur schwer erklären. Irgendwie verlief alles wie im Traum, nein Alptraum, der bis heute nicht endet.

Zum Thema Schlafwandeln aus verschiedenen Infotheken:
Beim Schlafwandeln fallen einem besonders jene Bilder ein, bei denen der Betroffene im Nachthemd (und vielleicht sogar noch Schlafmütze) mit ausgestreckten Armen auf einem Dachfirst dem Vollmond zustrebt. Und selbst wenn man weiß, das kann nicht ungefährlich sein, hat diese Szene etwas romantisches an sich - fast könnte man neidisch werden …
Doch die Wirklichkeit sieht, wie so oft, ganz anders aus. Selten zwar, aber in regelmäßigen Abständen berichten vor allem die Tageszeitungen von letztlich unfassbaren Abstürzen, unverständlich, weil ohne Not, zur nachtschlafenden Zeit und das alles von Balkonen, Fenstern, Feuerleitern und - wenn auch deutlich seltener - Dächern. Und im unglücklichsten Falle auch noch mit Todesfolge.
Die ermittelnden Behörden denken dann erst einmal nach dem herkömmlichen Schema: "Was häufig ist ist häufig - was selten ist ist selten". Und da rangieren Unfälle (nicht zuletzt unter Alkoholeinfluss, gelegentlich auch Rauschdrogen) an erster Stelle, gefolgt von kriminellen Taten und schließlich "sonstigen Ursachen". Und hier kann dann auch einmal das Schlafwandeln diskutiert werden, allerdings sehr viel zurückhaltender als man meinen möchte.
Auch ist dieser Verdacht relativ "unbeliebt". Denn zum einen ist er schwer zu beweisen, zum andern wirkt er irgendwie "verstaubt" und "nicht recht ernst zu nehmen". Schlafwandeln passt einfach nicht in unsere Zeit und Gesellschaft. Denn es gibt "handfeste Gründe" und solche, mit denen man sich nur lächerlich machen kann. Da strapaziert man lieber die gängigen Ursachen und überlässt die "Verrücktheiten" den zuständigen Fachleuten, also Psychiatern und Psychologen.
Diese sind aber auch nicht sonderlich erbaut, wenn man die Verdachtsdiagnose "Schlafwandeln" zur Diskussion stellt. Die meisten dürften sich in diese Materie erst einmal einlesen müssen (wobei es relativ wenig praxis-bezogene Fachliteratur gibt). Und dann stellt sich auch noch heraus: Schlafwandeln ist nicht gleich Schlafwandeln und lässt sich medizinisch gar nicht so einfach beweisen bzw. diagnostizieren und behandeln.
Nachfolgend deshalb eine kurz gefasste Übersicht zur ersten Orientierung. Ein ausführlicher Beitrag zum Thema "Schlafwandeln" findet sich in dieser Internet-Serie unter der Sparte "Psychiatrie heute".

Schlafwandeln wird als Somnambulismus oder Noctambulismus bezeichnet. Häufig findet auch eine Gleichsetzung zu Lunatismus, der Mondsüchtigkeit statt. Obwohl sehr spektakulär, ist echtes Schlafwandeln selten.
Schlafwandeln ist ein instinktiver Vorgang, bei dem psychische Vorgänge zu einer körperlichen Aktivität führen. Dabei ist der Betroffene in der Lage, sich teilweise zu orientieren. Eine Erinnerung an das Schlafwandeln hat er aber nicht. Hauptmerkmal dieser Störung sind wiederkehrende Episoden komplexer Verhaltensabläufe wie Verlassen des Bettes und Umherwandeln, ohne dass sich der Betroffene dessen bewusst ist oder sich später daran erinnert.
Meistens findet Schlafwandeln im ersten Drittel des Nachtschlafs statt. Es kann wenige Minuten aber auch bis zu einer halben Stunde andauern
Schätzungen besagen, dass etwa ein bis sechs Prozent aller Kinder über einen gewissen Zeitraum vom Schlafwandeln betroffen sind. 15 Prozent erfahren aber lediglich einzelne Episoden. Bei Erwachsenen kommt Schlafwandeln seltener vor.
Auslösende Faktoren für Schlafwandeln können z. B. fiebrige Erkrankungen im Kindesalter sowie Belastungen und Ermüdungen sein. Eine familiäre Häufung gilt durch eine Reihe von gezielten Untersuchungen als gesichert.
Männer sind vom Schlafwandeln scheinbar häufiger betroffen, als Frauen.
Die Ursachen des Schlafwandelns werden noch immer kontrovers diskutiert. Wahrscheinlich gibt es kein einheitliches Erklärungsmuster, was sich schon aus den unterschiedlichen Ausgangs- und Verlaufsformen ergibt. Sicher spielen auch biorhythmische Aspekte eine Rolle.
Rein äußerlich ist das Vorhandensein einer Lichtquelle entscheidend. Der Schlafwandler scheint davon fasziniert zu sein. In früheren Zeiten, in denen der Mond die wichtigste Lichtquelle in der Nacht war, bewegten sich die Betroffenen in seine Richtung, wie alle bildlichen Darstellungen der Zeit zeigen. Das zum Teil waghalsige Klettern auf Dächer, Balkone, Mauern oder Berge u.a. war der Versuch, dem Mondschein näher zu kommen. Heute spielt der Mond keine herausragende Rolle mehr, ist er doch in einer üblichen Wohngegend nur ein Helligkeitsfaktor unter vielen. Deshalb bewegt sich der "moderne" Schlafwandler meistens in Richtung anderer, stärkerer Lichtquellen, meistens, weil sie näher, intensiver und leichter erreichbar sind.
Das Streben nach einer Lichtquelle muss mit der Suche nach vollkommener Orientierung zu tun haben. Denn der Schlafwandler kann sich zwar während des Schlafwandelns fortbewegen, doch ist seine Orientierung relativ mangelhaft. Sie stützt sich auf die Kenntnisse der Begebenheiten vom Vortage und auf eine instinktive Steuerung, die bisher nicht ausreichend erforscht ist.
Im Verlauf einer solchen schlafwandlerischen Episode richtet sich der Betroffene im Bett auf und führt zunächst beharrlich motorische Bewegungen aus, z. B. Nesteln, Zupfen, Wischen u. a. Daran können sich halbwegs zielgerichtete Handlungen anschließen. Dazu gehören das Verlassen des Bettes, das Umhergehen, Öffnen von Türen, ankleiden, Badezimmerbesuch, Nahrungsaufnahme u. a. Nicht selten kann die Episode bereits enden, bevor das eigentliche Stadium des Schlafwandelns erreicht ist
Während des Schlafwandelns mit stets offenen Augen fällt der Betroffene durch sein ausdrucksloses, starres Gesicht oder auch durch seinen verstörten Gesichtsausdruck auf. Seine Koordination ist schlecht - entgegen der Meinung von der "schlafwandlerischen Sicherheit". Dennoch kann der Betroffene im Wege stehenden Personen oder Gegenständen ausweichen. Er ist jedoch keinesfalls vorsichtig und schon gar nicht sicher. Viel häufiger kommt es zum Stolpern oder zum Verlust des Gleichgewichts mit Anstoßen und Verletzungsgefahr.
Wichtig ist die Erkenntnis, daß sich der Schlafwandler meistens geradeaus bewegt. Dies auch dann, wenn sein Weg zu Ende ist. Das führt zu den bekannten Unfällen, z. B. Sturz von Balkon oder Feuerleiter, aus dem Fenster, von Mauer, Felsen oder Steg. Der Schlafwandler schaut nach vorne, ohne sich konkret orientieren zu können, auf was er sich hinbewegt. Wo seine begehbare Unterlage endet, geht er weiter - und stürzt ab. Das ist die größte Gefahr dieser Schlafstörung.
Interessanterweise entwickeln viele Schlafwandler während ihres Wandelns ein Hungergefühl. Sie essen dann fast alles auf, was eßbar und greifbar ist, gleichgültig in welcher Verfassung: z. B. Schokolade mit Papier, ungewaschenes oder erdverschmutztes Obst oder Gemüse, unzubereitete Salate usw. So kann das Wandeln ggf. dann beendet sein, wenn der Betroffene etwas Eßbares ertastet.
Meistens kehren die Betroffenen aber ohnehin in ihr Bett zurück, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Einige legen sich jedoch an fremder Stelle nieder, um ihren Schlaf fortzusetzen - und sich am nächsten Morgen erstaunt in fremder Umgebung wiederzufinden.
Beim Erwachen besteht - gleichgültig, ob unmittelbar aus der Episode heraus oder erst am nächsten Morgen - keine Erinnerung an das Geschehene mehr. Bisweilen werden fragmentarische Traumbilder erinnert, jedoch keine vollständigen Traumfolgen.
Schlafwandler bewegen sich meistens geradeaus, selbst dann, wenn ihr Weg zu Ende ist. Daraus resultiert die Absturzgefahr.

Dies alles ist für uns ein kleiner Erklärungsversuch bei der Frage nach dem "Warum". Eine Antwort werden wir wohl nie bekommen!